Wie "geschlechtergerecht" kann Sprache sein? – Teil 3

gendervielfalt Während die einen die deutsche Sprache in Gefahr sehen, aus ideologischen Gründen durch das Gendern ihre Leichtigkeit und Verständlichkeit zu verlieren, sind andere davon überzeugt, dass mit einer „gendergerechten Sprache“ die Wirklichkeit verändert und die realen Lebensverhältnisse von Frauen in einer „männlich dominierten Welt“ verbessert werden können.

Dazwischen steht der Rat für deutsche Rechtschreibung, an dem sich die Regierungen der deutschsprachigen Länder als maßgebende Instanz für die deutsche Rechtschreibung zu orientieren verpflichtet haben. Was steckt hinter dem zum Teil vehement und verbissen geführten Streit um das Gendern, der weit über einen sprachwissenschaftlichen Diskurs hinausgeht und eine gesellschaftspolitische Dimension angenommen hat.

Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung im März 2021

Ziel des Rats für deutsche Rechtschreibung ist es, eine einheitliche Rechtschreibung in allen deutschsprachigen Ländern zu sichern. Problematisch erweist sich, dass das Thema Gendern in hohem Maße auch gesellschafts- und sprachpolitisch besetzt wird. Die Diskussion zeigt sich aber auch gerade deshalb so kontrovers, weil das Sprachsystem des Deutschen keine Bezeichnung für nicht männliche und nicht weibliche Geschlechter kennt.

„Daraus ergeben sich für die geschriebene Sprache Folgeprobleme, die im Sprachsystem des Deutschen zu grammatisch nicht korrekten, die Verständlichkeit beeinträchtigenden Lösungen führen.“
RfdR: Entwicklung und Bewertung, S. 2

Im Beschluss vom 16.11.2018 hat der Rat allgemeine Kriterien geschlechtergerechter Schreibung definiert:
„Geschlechtergerechte Texte sollen:

  • sachlich korrekt sein,
  • verständlich und lesbar sein,
  • vorlesbar sein (mit Blick auf die Altersentwicklung der Bevölkerung und die Tendenz in den Medien, Texte in vorlesbarer Form zur Verfügung zu stellen),
  • Rechtssicherheit und Eindeutigkeit gewährleisten,
  • übertragbar sein, im Hinblick auf deutschsprachigen Länder mit mehreren Amts- und Minderheitensprachen,
  • für die Lesenden bzw. Hörenden die Möglichkeit zur Konzentration auf die wesentlichen Sachverhalte und Kerninformationen sicherstellen.“
    Vgl. RfdR: Entwicklung und Bewertung, S. 2

Die „Vermittlung und Lernbarkeit der Rechtschreibung der deutschen Sprache in Schule und Erwachsenenbildung im deutsch- und nicht-deutschsprachigen Raum [dürfen] nicht erschwert oder beeinträchtigt werden. Dabei sind auch die Auswirkungen einer systematischen Verwendung geschlechtergerechter Schreibung, etwa durch ungelenke Passivkonstruktionen, auf die Literatur zu berücksichtigen: Hier geht es um den hohen Stellenwert der Ästhetik von Sprache und Stilistik vor allem in Literatur außerhalb von Sach- und Fachtexten. Diese Form der Vermittlung von Sprache muss in jedem Fall weiterhin umfassende Berücksichtigung auch in der Schule und bei Deutsch-Lernenden in anderen Bereichen finden.
Vgl. RfdR: Entwicklung und Bewertung, S. 5

In Bezug auf geschlechtergerechte Schreibformen bietet der Rat für deutsche Rechtschreibung in einer Beilage Richtlinien welche Wort- und Satzbildungen nicht der Orthographie entsprechen.
Vgl. RfdR: Orthografisch nicht normgerecht, S.1-2

zeichen divers
Der Rat für deutsche Rechtschreibung beobachtet die Verwendung
verwendeter Zeichen, mit denen geschlechtliche Diversität ausgedrückt
werden soll und gibt Empfehlungen ab.

 

Bundeskanzleramt - Geschlechtergerechte Sprache

„Die Verwendung gendergerechter Sprache bei der täglichen Arbeit – ressortintern sowie nach außen – ist ein wesentlicher und konsequenter Bestandteil der Geschlechtergleichstellung sowie deren Förderung. Texte sind dann gendergerecht formuliert, wenn die Geschlechter sprachlich sichtbar sind. Von gendergerechten Formulierungen werden alle Personen gleichermaßen angesprochen.“
BKA: Geschlechtergerechte Sprache, S. 1

Die Richtlinien des Bundeskanzleramtes sind an den Öffentliche Dienst als einheitliches Erscheinungsbild staatlicher Kommunikation gerichtet. Als maßgebende Instanz wird der Rat für deutsche Rechtschreibung genannt, wobei auf dessen Empfehlungen zwar hingewiesen wird, die später aber wieder relativiert werden.

Es wird darauf hingewiesen, dass der Rat die Verwendung von Gender-Stern, Unterstrich, Doppelpunkt u.a. verkürzte Formen der Kennzeichnung von mehrgeschlechtlichen Bezeichnungen nicht empfehle. Einige Absätze später heißt es hingegen, dass Unterstrich (Gender-Gap), Asterisk (Gender-Stern), Doppelpunkt, der Zusatz männlich, weiblich, divers (m, w, d) nach dem generischen Maskulinum in unterschiedlichem Umfang den Kriterien für geschlechtergerechte Schreibung entsprechen.
Vgl. BKA: Geschlechtergerechte Sprache, S. 2 f

Die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung verweist auf die politische Dimension der Diskussion. Die Frage nach der Art und Weise geschlechtergerechten Sprachgebrauchs ist oftmals auch mit einem Bekenntnis beziehungsweise der Zuschreibung einer Haltung verbunden, die weit über sprachliche Geschmacksfragen hinausweist und bis ins Weltanschauliche reicht.
Vgl. BpB: Geschlechtergerechte Sprache, S. 3

Die Debatte um das generische Maskulinum und Gendersternchen trägt klare Züge eines Kulturkampfes, wobei Sprache stellvertretend für andere gesellschaftliche Themen in den Fokus gerät.

Duden - geschlechtergerechte Sprache

Der Duden Verlag, der früher als Autorität für eine richtige Verwendung der deutschen Sprache gegolten hat, gibt in seinem Sachbuch „Richtig gendern“ Hilfen, wie angemessen und verständlich aber dennoch „gendergerecht“ geschrieben werden kann. Auch hier wird ein aktives Verhältnis zwischen Sprache und Wirklichkeit zugrunde gelegt:

„Denn menschliche Sprache ist sowohl das Ergebnis als auch das Instrument gesellschaftlicher Konzeptionen der Wirklichkeit. Anders formuliert: Sprache ist vom Denken geprägt und Sprache prägt das Denken. Zugleich ist Sprache die Grundlage jedes gesellschaftlichen Handelns. Damit sind die Sprache und ihr Gebrauch ein entscheidender Faktor für die Realisierung von Gleichstellung. Und damit ist Gendern ein wesentliches Instrument zur Durchführung dieser Bemühungen.“
Duden: Gendern – ganz einfach, S. 7

sprachbelehrung
Kritiker des Genderns lehnen die von oben verordneten Veränderungen
in der Sprache als paternalistisch ab.

 

Kritik am Gendern spiele hingegen die Bedeutung der Sprache für die Durchsetzung von Gleichstellung herunter.

„Auch diese stereotypischen Zuschreibungen [Meinungen, Vorurteile Anm. A.M.-H.] sollen durch den Gebrauch gendergerechter Sprache aufgelöst werden. […] Zwischen dem aufklärerischen und auch gesetzgeberischen Willen zur Umsetzung geschlechtergerechter Sprache und ihrer Realisierung in der Praxis besteht also nach wie vor eine Kluft, die sich zwischen unzutreffenden Annahmen und unzureichendem praktischen Wissen aufspannt.“
Duden: Richtig gendern, S. 10

Während die aufgeklärte Genderbewegung und der Gesetzgeber die Bedeutung des Genderns begriffen hätten, hänge die Allgemeinheit wegen Unwissenheit noch falschen Annahmen nach.

„Das Wissen um diese lange Diskursgeschichte ist oft nützlich, um bestimmte argumentative Fehlannahmen, die gerade heute wieder häufig vorgebracht werden, richtig einzuschätzen. Da es uns ein Anliegen ist, die positiven Wirkungen gendergerechter Sprache hervorzuheben, sind überall im Text »Statements aus der Praxis« eingefügt.“
Vgl. Duden: Richtig gendern, S. 10

Kritiker des Genderns wie der Linguist Josef Bayer sehen die Sachlage anders und beziehen sich vor allem auf sprachwissenschaftliche Erkenntnisse:

„Die einzige wissenschaftlich haltbare Theorie ist diejenige von Noam Chomsky, die lautet, dass Sprache ein Teil der biologischen Welt ist und sich somit im Rahmen der Evolution herausgebildet hat. Dass im Deutschen das Verb im Nebensatz am Satzende, aber im Hauptsatz an der zweiten Stelle steht, ist von niemandem „erfunden“ worden. Das Pronominalsystem einer Sprache, in dem man drei Geschlechter unterscheidet, obwohl man nachweislich auch ohne Geschlechterunterscheidung gut auskommt, kann ebenfalls von niemandem erfunden worden sein. Wir können also sicher sein, dass unsere Sprache nicht menschengemacht, sondern ein Teil der Evolution ist und damit für Eingriffe von unserer Seite gar nicht zur Verfügung steht.“
Bayer: Sprachen wandeln sich immer, S. 48 f

 

>> Wie "geschlechtergerecht" kann Sprache sein? – Teil 1
>> Wie "geschlechtergerecht" kann Sprache sein? – Teil 2

 

Quellen:

 

Weiterführende Links:

 

 

Andreas Markt-Huter, 30-05-2023

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