Entwicklung eines schulischen Leseförderkonzepts

Trotz vielfältiger Bemühungen im Bereich der Leseförderung in unseren Schulen und trotz des großen Engagements vieler Lehrkräfte zeigen die Befunde vieler Leistungsstudien (vgl. Stanat et al. 2015), dass nach wie vor großer Handlungsbedarf besteht.

lesenIm Primarbereich wie auch in der Sekundarstufe werden inzwischen viele Lesefördermaßnahmen angeboten, die sich auch in entsprechenden Lesekonzepten bzw. in schulischen Entwicklungsplänen abbilden. Schulische Lesekonzepte unterscheiden sich in der Regel erheblich bezüglich der Konkretion der lesefördernden Maßnahmen, des systematischen fachdidaktischen und curricularen Aufbaus, des Informationsgehalts, der wissenschaftlichen Aktualität sowie der Verbindlichkeit der Durchführung.

Schulische Lesekonzepte werden häufig von Angeboten zur Leseanimation dominiert, die die Lesemotivation der Schülerinnen und Schüler wecken sollen. Diese Förderansätze sind wichtig, weil häufiges Lesen nachweislich zu einer Verbesserung der Lesekompetenz führt. Vor allem im Anschluss an den Schriftspracherwerb im ersten und zweiten Schuljahr ist es bedeutsam, die Motivation aufrecht zu erhalten. Leseanimation ist jedoch nicht gleichbedeutend mit Leseförderung. Gerade schwächere Schülerinnen und Schüler profitieren nur selten von leseanimierenden Angeboten, weil sie Defizite im Bereich des Lesens aufweisen, die andere, spezifischere Fördermaßnahmen erfordern (vgl. Nix 2010). Daher ist die Implementierung einer systematischen Leseförderung an den Schulen erforderlich, die vor dem Hintergrund eines differenzierten Modells von Lesekompetenz entscheidende Förderschwerpunkte ausweist und effektive Förderangebote für die einzelnen Dimensionen von Lesekompetenz bereithält.

Leseförderung muss über die Schularten und Jahrgangsstufen hinweg als kontinuierlicher Entwicklungsprozess in allen Schulen angelegt werden. Die Umsetzung des schulinternen Lesekonzepts muss über die Schulleitung gesteuert werden, beispielsweise, indem Fortbildungsveranstaltungen zu Schwerpunkten der Leseförderung gemeinsam mit dem Kollegium durchgeführt und ausgewertet werden oder indem wichtige Diagnose- und Förderzeiträume für die einzelnen Jahrgangsstufen im Jahresplan der Schule verbindlich festgeschrieben werden. Es ist dabei nicht ausreichend, dass die Fördermaßnahmen einmal in der schulischen Praxis umgesetzt werden: „Vielmehr geht es bei der Implementation darum, dass ein Prinzip oder Programm nachhaltig und mit einem hohen Maß an Akzeptanz zu einem selbstverständlichen Teil schulischer Routinen wird“ (Philipp/Souvignier 2016, S. 10).

Der Entwicklungsprozess eines schulinternen Lesecurriculums sollte mit der Bilanzierung der bisherigen unterrichtlichen und schulischen Angebote und Maßnahmen zur Leseförderung starten. Dadurch wird der schulische Entwicklungsbedarf bezüglich der Leseförderung erst deutlich. Ein förder- und kompetenzorientierter Unterricht berücksichtigt die verschiedenen Dimensionen von Lesekompetenz (basale Lesefertigkeiten, Leseflüssigkeit, Textverständnis, Lesemotivation). Auf dieser Grundlage können Diagnoseinstrumente und Fördermaßnahmen zur Umsetzung in der Unterrichtspraxis erarbeitet werden.

 

Literatur:

Krug, Ulrike; Nix, Daniel (2017): Entwicklung eines schulischen Leseförderkonzepts. Ein Praxisleitfaden für alle Schulformen

Nix, Daniel (2010): Förderung der Lesekompetenz. In: Kämper-van den Boogart, Michael; Spinner, Kaspar H. (Hrsg.): Lese- und Literaturunterricht. Teil 2. Baltmannsweiler: Schneider, S. 139 – 189)

Philipp, Maik; Souvignier, Elmar (Hrsg.) (2016): Implementation von Lesefördermaßnahmen: Perspektiven auf Gelingensbedingungen und Hindernisse. Münster/New York: Waxmann

Stanat, Petra; Böhme, Katrin; Schipolowski, Stefan; Haag, Nicole (Hrsg.) (2016): IQB-Bildungstrend 2015: Sprachliche Kompetenzen am Ende der 9. Jahrgangsstufe im zweiten Ländervergleich. Münster/New York: Waxmann

 

© Sylvia Heim, MA, MSc
Titelbild: Jasmine Seeberger - Tibs-Bilderdatenbank

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