jürgen becker, gedichteIn Glücksstunden kann das Lesen zu einer Philosophie ausarten, worin bekanntlich die Gedanken umso klarer werden, je disziplinierter sie eingefangen sind. Nicht das hemmungslose Ausschweifen bringt die freien Gedanken in den Kopf, sondern das disziplinierte Heranführen desselben an jenen Horizont, an dem eine andere Sprache, Semantik oder Logik beginnt.

Für sogenannte „reife Leser“ spielen mit zunehmendem Alter Leserituale eine Rolle. Sie geben den flatternden Augen nicht nur Stabilität, Zeilen zu halten und abzutasten, fixe Gewohnheiten ermöglichen es erst, täglich eine Art unerforschtes Gelände zu erkunden.

dorling kindersley, weltall„Unsere nähere Umgebung ist das Sonnensystem. Die Sonne im Zentrum ist ein mittelgroßer Stern. Die überflutet die Erde mit Licht. Um sie herum kreisen die Erde und sieben weitere Planeten mit ihren Monden sowie Millionen Asteroiden und Kometen, weil sie von ihrer Schwerkraft angezogen werden.“ (S. 7)

Das Weltall mit seinen unzähligen Sternen und Galaxien hat schon immer die Fantasie und die Neugier der Menschen beflügelt. Das Kindersachbuch „DK Wissen – Weltall“ stellt die zentralen Erkenntnisse der gegenwärtigen Astronomie in einem sehenswerten Sachbuch zusammen, das nicht nur für Kinder spannende Einblicke in die Welt der Wissenschaft der Sterne bietet.

andreas niedermann, schreibenDie echtesten Geschichten sind immer jene, wo jemand das Leben wegwirft, um zu schreiben, und es dadurch erst recht findet.

Andreas Niedermanns Roman vom „Schreiben“ ist letztlich die Geschichte eines permanenten Ein- und Aussteigers im Literaturbetrieb, am ehesten mit einem Schaffner zu vergleichen, der seinen eigenen Zug verpasst. Aber am Schluss erweist sich das Ziel als persönlicher Kopfbahnhof, der schon für die nächste Ausfahrt bereitsteht, kaum dass man in ihn eingefahren ist.

ursula poznanski, shelter„»Das wäre doch ein Riesenspaß, oder? Witziger, als jetzt noch ins Shriek zu pilgern.« Er beugte sich vor. »Wir könnten uns was überlegen. Etwas echt Abgedrehtes, das bringen wir dann unters Volks – mal sehen, ob irgendetwas kleben bleibt.« Darya zog die Nase kraus, was hinreisend aussah. »Du meinst, wir entwickeln unsere eigene Verschwörungstheorie?« »Genau!«“ (S. 12)

Auf einer Geburtstagsparty kommen fünf Freunde auf die verrückte Idee, sich eine Verschwörungstheorie auszudenken und zu beobachten, wie sich die Geschichte in den sozialen Medien verbreitet und welche Reaktionen sie unter den Menschen auslöst.

nadja niemayer, gegenangriffWarum lassen sich die Tiere eigentlich ausrotten und abschlachten, warum tun sie nichts dagegen? – Weil sie nicht intelligent sind! Nadja Niemeyer beendet diese unintelligente Behauptung mit einem „Gegenangriff“.

In ihrem dystopischen Roman, den sie Pamphlet nennt, werden die Tiere plötzlich intelligent und rotten die Menschen aus. Das Thema ist so brisant, dass Nadja Niemeyer sich als Pseudonym schützt, Interviews verweigert und keine Talkshows zu dieser Debatte betritt.

heidi troi, die superaugen und der theatergeist„Seit ein paar Wochen treibt ein Geist sein Unwesen. Einmal hat er die Speicherkarte mit den Pressefotos gelöscht. Für das neuerliche Fotoshooting hat die Theatergruppe einen ganzen Probentag verloren. Dann verschwand der Schlüssel für den Probenraum oder eben Freddies Theatertext. Kleine Zwischenfälle nur, aber dem Regisseur rauben sie den letzten Nerv.“ (S. 12)

Djamila spielt beim aktuellen Theaterprojekt des Laientheaters der Stadt mit bei dem ausgerechnet Freddie, der beim letzten Fall der Superaugen Ulli des Diebstahls bezichtigt hat, die Hauptrolle im Stück „Peter Pan“ spielt. Doch geschehen merkwürdige, für die alle einem Theatergeist die Schuld geben.

walter benn michaels, der trubel um diversität.jpg„Falsch an der Identitätspolitik ist, mit anderen Worten, dass sie nur solche Ungerechtigkeiten zur Kenntnis nimmt, die durch Diskriminierung (Rassismus, Sexismus, Homophobie) hervorgebracht werden. Die Ungleichheiten, die jedem von uns in jedem Augenblick dadurch entsteht, dass Arbeiter weniger bezahlt bekommen als den Wert dessen, was sie produzieren, werden außer Acht gelassen oder, schlimmer, als normal erachtet.“ (S. 14)

Walter Benn Michaels stellt in seinem kritischen Sachbuch die Zunahme der gesellschaftlichen Diskussion um Diversität in den Mittelpunkt, die sich gegen Rassismus, Sexismus und Transphobie richtet. Diese, von den USA ausgehende Bewegung, stößt vor allem auch in Ländern auf zunehmendes Interesse, in denen von der zunehmenden Kluft zwischen Armen und Reichen abgelenkt werden soll.

catherine fisher, stella und der mondscheinvogel„Er warf einen Blick auf das Paket, dann richtete er die Augen auf sie. »Ich muss da raus. Ich muss nachsehen, ob sie es sind. Kann ich dir vertrauen?« Sie zuckte mit den Schultern. »Ja, schon, aber ich …« »Bist du ein ehrliches Mädchen? Du siehst zumindest so aus.« Mit einer plötzlichen, entschlossenen Bewegung streckte er ihr das Paket hin. »Sei so gut und pass kurz
darauf auf. Es dauert nicht lange.«“ (S. 15)

Stella Rhys ist eine Vollwaise, deren Eltern in Indien verstorben sind. Ihre ersten zwölf Jahre hat sie im Waisenhaus St. Mary’s verbracht, bis sie von ihrer Großtante Grace entdeckt und aufgenommen worden ist. Doch auch ihre Großtante verstirbt überraschend und so soll Stella nun bei der Familie von Captain Arthur Jones, einem langjährigen Freund ihres verstorbenen Vaters in, der Villa Plas-y-Fran in Wales leben. Als sie am Bahnhof auf ihren Zug zu ihrem neuen Zuhause wartet, wird sie im Warteraum von einem mysteriösen Herrn um Hilfe gebeten.

jan david zimmermann, den schatten im rückenEine Neuigkeit, bei deren Lektüre es einem wie Schuppen von den Augen fällt, ist der ideale Stoff für eine Novelle. Dieses Genre erweist sich meist als hartnäckiger als die Gegenwart und lässt den Schluss zu, dass etwas erst dann über den Alltag hinaus von Bedeutung ist, wenn es in einer Novelle Platz genommen hat.

Jan David Zimmermann nennt seine Novelle bedrohlich „Den Schatten im Rücken“. Dort wo den Helden oft eine Waffe an den Rücken gesetzt wird, ist es hier der pure Schatten, der auf den Helden zusteuert. Gleich zu Beginn wird der zitierte Plot vorgestellt: Der „Blaubart-Mythos“ ist zu einer gesellschaftskritischen Studie ausgebaut.

val emmich, du bist der sturm, du bist das licht„Mac Durant, aka Inbegriff aller Sehnsüchte: gut aussehend, klug, charmant, beliebt, Top-Athlet, Zu-perfekt-um-wahr-zu-sein-Herzensbrecher und Idealbesetzung jeder Teenie-Rom-Com, die du je gesehen hast. Und dann dieser geradezu absurd passende Name. Mac Durant. Was zum Teufel macht er hier?“ (S. 13)

Tegan Everly verschwindet nach einer Auseinandersetzung mit ihrer Mutter aus dem Haus und flüchtet ins örtliche Edison-Museum, während vor der Tür ein schrecklicher Schneesturm wütet. Zu ihrem Erstaunen bleibt sie im Museum aber nicht lange allein.